Eins zu null für den Delfin.

Impressionen eines Sommerurlaubs in Sotschi – zwischen Palmen und Skilift

Von Frank Fischer, Sotschi. Der Bordlautsprecher quäkt und ruft die Passagiere vom Oberdeck ins Schiffsinnere. Während die „Foton“ weiter leicht über das Wasser gleitet, nehmen wir auf den gepolsterten Bänken im Bauch des Dampfers Platz. Es sitzen dort bereits einige Herren bei einer großen Flasche Wodka.

Plötzlich erhebt sich einer von ihnen, ein etwas dicklicher Glatzkopf im, wie man so schön sagt, „besten Alter“. Jetzt geht´s los! Mit zahlreichen Silberreifen in den Händen beginnt der (laut Veranstaltungsplakat) „Verdiente Künstler der Sowjetunion“ seine Show.

Doch zunächst kommt er auf mich zu: Ich soll prüfen, ob die Silberreifen wirklich geschossen sind und über keine heimlichen Risse und Öffnungen verfügen. Ich kann das bestätigen.

Zufrieden kehrt der Meister ins Innere der kleinen Manege zurück und schwuppdiwupp sind die Ringe wie die Glieder einer Kette miteinander verwoben. Zuerst sind es zwei, dann drei, dann kommen weitere hinzu. Das Metall der Ringe klingt hell beim Aneinanderstoßen.

Spätestens nach rund drei Minuten jedoch macht sich eine gewisse Langeweile im Raum breit. Es wird merklich unruhig, die Passagiere nehmen von dem sich abmühenden Illusionisten nur noch am Rande Notiz.

Viel aufregender ist dagegen das, was sich im Wasser abspielt. Nun will auch ich wissen, was dem Glatzkopf da Konkurrenz macht. Es ist eine Gruppe von Delfinen, die das Schiff springend und elegant durch das Wasser gleitend begleiten.

Keine Chance gegen Flipper und seine Freunde

Der kleine Dicke erkennt, dass er gegen Flipper und seine Freunde chancenlos ist. Er murmelt noch ein artiges „Danke!“, und zieht sich zu seinen Kumpels samt ihrer Wodkaflasche auf die gepolsterte Bank zurück.

Die „Foton“ und die Delfine ziehen vor der Küste von Adler, Großgemeinde Sotschi, Region Krasnodar, Russische Föderation ihre Kreise. Es ist der letzte Tag unseres Urlaubs an der Russischen Riviera.

Zur Zeit der Schulferien wimmelt es in dem kleinen Schwarzmeerkurort nur so von Touristen aus ganz Russland und der GUS. Die beschriebene Episode bildete den Schlusspunkt einer Reise, die meine Freundin und mich hierher an den Berührungspunkt von Meer und Hochgebirge geführt hat.

Sotschi – das war ein Traum vieler DDR-Bürger, der mit Interflug nur drei Flugstunden entfernt war

Sotschi – dieser Begriff klingt vielen älteren Ostdeutschen noch sehr gut im Ohr. Zwar waren Privatbesuche im Lande des „Großen Bruders“ die absolute Ausnahme, dafür aber durfte so mancher über die Partei oder die Gewerkschaft ins Urlaubsparadies von Honecker, Kádár und Genossen fliegen.

Ein Blick in alte Flugpläne der „Interflug“ offenbart, dass Sotschi problemlos nach dreistündiger Luftreise erreicht werden konnte. Aber wer konnte schon – damals, in der DDR? Und jetzt, wo man könnte, will (fast) niemand mehr.

Während meines gesamten Aufenthaltes in Sotschi-Adler habe ich kein deutsches Wort gehört, übrigens auch kein englisches, französisches oder sonst nicht-russisches. Das war durchaus erholsam, vor allem im Vergleich zum Balatonufer, wo sich einem gelegentlich die Frage stellt, ob man sich überhaupt noch in Ungarn befindet.

Nein, das hier ist Russland pur: russische Bahn, russisches Verkehrschaos, russisches Hotel, russisches Essen – kurzum, alles, wie ich mir es vorgestellt habe.

Russland pur – besser zu erreichen per Bahn oder per Flug?

Die Frage wurde aufgrund unserer finanziellen Möglichkeiten zugunsten der Schiene entschieden. Dabei wäre es auch anders gegangen, denn der bei Adler gelegene Flughafen wird pausenlos von Maschinen aus dem In- und Ausland angesteuert. Das gilt natürlich auch für die Bahn. Mit Staunen sah ich Kurswagen aus den entlegendsten Städten Russlands sowie der Nachbarstaaten. Manche Reisende hatten vier oder fünf Tage im Zugabteil hinter sich – und wer bis zu Abreise noch nicht urlaubsreif war, ist es spätestens jetzt.

Die Bahnfahrt über die Kaukasuskette kann durchaus beschwerlich sein …

Unsere Anfahrt von Wolgograd dauerte rund 20 Stunden, was viel ist, denn beide Städte trennen „nur“ rund 1.000 km – aber eben auch die mächtige Kette des Kaukasus.

Diese nächtliche Fahrt wird mir mein Leben lang negativ in Erinnerung bleiben: Großraumabteil mit fünf Duzend Fahrgästen, trotz tropischer Hitze keine Klimatisierung und Fenster, die sich nicht öffnen ließen.

Dafür war der Albtraum mit umgerechnet 20 Euro pro Person und Strecke auch unschlagbar billig. Trotzdem, nie wieder „Platzkarty“, wie diese unterste Wagenklasse bei der Russischen Staatsbahn heißt. Um es vorwegzunehmen, für die Rücktour hatten wir „Kupee“ gebucht. Da reist es sich im Viererabteil mit Klimatisierung erheblich entspannter (aber mit rund 60 Euro auch dreifach teurer).

Wo ist das Hotel?

Obgleich abgesprochen war, dass uns in Adler ein Vertreter des Hotels in Empfang nimmt, in dem wir logieren wollten, konnten wir nach unserer um rund 45 Minuten verspäteten Ankunft im Bahnhof der Küstenstadt niemanden entdecken. Wir waren hundemüde, die Hitze der gefühlten 40 Grad drückte.

Wir schnappten uns ein Taxi. Komisch, vom Hotel „Kommersant“ hatte keiner der Ortsansässigen jemals gehört. Ich kannte (aus dem Internet) nur den Namen der Straße, nicht jedoch die Hausnummer der Herberge, hatte aber einen Stadtplan ausgedruckt, auf dem der vermeintliche Standort markiert war. Es half nichts! Kein Kommersant.

Wir bekamen Panik. Der Taxifahrer – ein unglaublich hilfsbereiter Armenier – fuhr uns zu einem anderen Hotel. Und was wir nicht zu hoffen wagten, geschah: Wir konnten bleiben. Das Hotel „Riza“ gehört sicher nicht zu den schönsten am Ort, hat jedoch gemütliche, preiswerte, saubere, aber vor allem klimatisierte Zimmer – und liegt zudem in unmittelbarer Strandnähe. Wir konnten unser Glück kaum fassen und gaben dem Armenier ein fürstliches Trinkgeld.

Südländische Verhältnisse im Straßenverkehr

Adler hat deutlich mediterranes Flair und ein großes Problem in Gestalt eines permanenten Verkehrschaos`. Wie überall im Lande sind Fußgänger praktisch Freiwild und zum Abschuss freigegeben. Davon darf sich der Reisende keinesfalls beeindrucken lassen! Nach einigen Stunden hat man sich auf die Verkehrsverhältnisse eingestellt und überquert die Straße prinzipiell im Laufschritt.

Kiesel- statt Sandstrand

So erreichten wir auch den Strand. Wobei das Wort „Strand“ nach deutschem Verständnis nicht hundertprozentig korrekt ist. Es gib nämlich keinen klassischen Streifen mit feinem gelben Sand, sondern einen, der mit mehr oder weniger großen Kieseln und Kieselchen bedeckt ist. Immerhin aber versanden die Badeutensilien nicht, wenn man sich in die Sonne bettet.

weiter mit der Reportage von Frank Fischer …